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Oral hearing: Osimertinib (Neues Anwendungsgebiet: Nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom, EGFR Mutationen, adjuvante Therapie)

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2021-11-08

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Official Wortprotokoll turns

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 3–3

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Herzlich willkommen im Unterausschuss Arzneimittel des Gemeinsamen Bundesausschusses. Wir machen mit der mündlichen Anhörung im Nutzenbewertungsverfahren Osimertinib weiter, hier konkret in der Indikation adjuvante Behandlung des NSCLC, Stadium IB-IIIA mit EGFR-Mutation. Basis der heutigen Anhörung ist die Dossierbewertung des IQWiG vom 29. September dieses Jahres, zu der Stellungnahmen eingereicht haben zum einen der pharmazeutische Unternehmer AstraZeneca, die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin und die Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie in der AIO, der Verband Forschender Arzneimittelhersteller und Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, MSD Sharp & Dohme GmbH, Roche Pharma AG, Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA. Wir müssen zunächst die Anwesenheit feststellen, weil wir wieder ein Wortprotokoll führen, und das vor diesem Hintergrund entsprechend dokumentiert werden muss. Ich muss Sie deshalb auch nachher in der Diskussion und in der Frage-und-Antwort-Runde darum bitten, jeweils Ihren Namen zu nennen, wenn Sie das Wort ergreifen, damit das entsprechend protokolliert werden kann. Für den pharmazeutischen Unternehmer AstraZeneca GmbH müssten anwesend sein zum einen Frau Specht, Frau Fimm, Herr Dr. Schmid-Bindert und Herr Couybes, für die Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft Herr Privatdozent Dr. Eberhardt, für die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin Herr Professor Grohé, für die DGHO Herr Professor Wörmann, für MSD Frau Dr. Mark und Frau Hecker, für Boehringer Frau Dr. Emser und Frau Schepers, für Roche Pharma Frau Berning und Frau Janke, für BMS Frau Wünsch – Frau Wünsch fehlt oder hört uns nicht – und Frau Ehrhart für BMS und Herr Dr. Rasch für den vfa. – Dann würde ich zunächst dem pharmazeutischen Unternehmer die Gelegenheit geben, aus seiner Sicht die wesentlichen Punkte der Dossierbewertung des IQWiG oder sonstige Dinge, die ihm wichtig sind, zu adressieren. Danach würden wir in die Frage-und-Antwort-Runde eintreten. – Wer möchte das für Astra machen? – Frau Specht, bitte schön, Sie haben das Wort.

Frau Specht (AstraZeneca)

Pages 3–5

Vielen Dank, Herr Professor Hecken. – Guten Morgen noch mal von meiner Seite an alle hier Anwesenden. Ich freue mich, dass wir heute zu Osimertinib in der adjuvanten Behandlungssituation Stellung nehmen können. Bevor wir tiefer in die Thematik einsteigen, sei noch einmal das Team vorgestellt, mit dem ich heute hier bin. Das sind zum einen Frau Fimm und Herr Privatdozent Dr. Schmid-Bindert aus dem Bereich Medizin von AstraZeneca, und Herr Couybes und ich repräsentieren den Bereich Marktzugang und Erstattung. Wie Sie bereits wissen, ist Osimertinib schon seit mehreren Jahren zur Behandlung des fortgeschrittenen nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms, abgekürzt NSCLC, bei EGFR-mutierten Patienten zugelassen. Aber wie schon erwähnt, sprechen wir heute über die adjuvante Behandlung des NSCLC. Hier haben wir mit Osimertinib erstmalig eine zielgerichtete Therapie in der Adjuvanz zur Verfügung, was tatsächlich ein sehr wichtiger Meilenstein ist, weil wir in dieser Situation seit mehr als zehn Jahren keine Therapiefortschritte gesehen haben. Ich möchte im Weiteren gerne auf folgende Themenkomplexe eingehen: Als Erstes auf die Behandlungssituation als solche und den bisherigen Behandlungspfad und auch, wie sich Osimertinib dort einordnet, und als Zweites auf die ADAURA, die hier relevante Studie an sich und die Ergebnisse und in diesem Zusammenhang zwei Aspekte, die für die Nutzenbewertung relevant sind. Zum einen ist es die Bildung der Teilpopulation und zum anderen die Auswertung der Lebensqualität. Jetzt zum ersten Themenblock, Erkrankung und Behandlungssituation: Nach wie vor ist das Lungenkarzinom die häufigste Krebserkrankung in Deutschland und auch die häufigste krebsbedingte Todesursache. In der Situation, über die wir heute sprechen, und zwar die Patientinnen und Patienten im Stadium IB bis IIIA, sieht das etwas anders aus. Diese Patientinnen und Patienten haben eine günstigere Prognose und die Chancen, geheilt zu werden. Das wichtigste Therapieziel in dieser Therapiesituation ist die Aufrechterhaltung der Chance auf Heilung durch die langfristige Vermeidung von Rezidiven. Um das zu erreichen, wird zunächst einmal bei Patienten und Patientinnen eine komplette Tumorresektion angestrebt. Nach dieser kompletten Tumorresektion empfehlen die Leitlinien ganz klar eine adjuvante platinbasierte Chemotherapie. Diese Empfehlung gilt für die meisten Patienten, ausgenommen sind Patienten und Patientinnen im Stadium IB, die einen Tumor < 4 cm haben. Natürlich gibt es auch Patienten und Patientinnen, die per se nicht für eine Chemotherapie geeignet sind. Das sind zum Beispiel Patienten, die einen schlechteren Allgemeinzustand haben oder Komorbiditäten aufweisen -- das heißt wir sprechen in dieser Situation im deutschen Versorgungsalltag über circa die Hälfte aller Patienten und Patientinnen, die in dieser Behandlungssituation mit adjuvanter platinbasierter Chemotherapie behandelt werden. Trotz der kurativen Aussicht des frühen NSCLC und der zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten mit adjuvanter Chemotherapie ist der Anteil an Patienten und Patientinnen, die in Folgejahren Rezidive erleiden, doch relativ hoch. Wir sprechen im Stadium IB von circa 45 Prozent der Patienten und Patientinnen, die in den Folgejahren ein Rezidiv erleiden, beim Stadium IIIA sind es sogar drei Viertel aller Betroffenen. Für die Betroffenen ist so ein Rezidiv sehr einschneidend. Sie gehen dann in die palliative Therapiesituation über, wo die Heilung nicht mehr möglich ist. Deshalb sind die Rezidive in der vorliegenden Situation ganz klar von hoher Patientenrelevanz. Die eben genannten Rezidivwahrscheinlichkeiten machen zudem deutlich, dass hier weiterhin ein therapeutischer Bedarf und Handlungsbedarf bestehen, dass in Ergänzung der adjuvanten Chemotherapien weitere adjuvante Therapiemöglichkeiten notwendig sind. Jetzt kommen wir zu dem zweiten Themenblock, der ADAURA-Studie, die genau diese Situation untersucht hat. Es wurden Patienten und Patientinnen eingeschlossen, für die zum Zeitpunkt des Studieneinschlusses keine weitere systemische Therapie mehr infrage kam. Das heißt, die Patienten und Patientinnen haben bereits eine adjuvante Chemotherapie bekommen oder waren für diese nicht geeignet. Dieses Patientenkollektiv war somit nach damaligem Standard leitlinienkonform behandelt, und um dieses Verständnis ergänzt Osimertinib als zielgerichtete Therapie den bestehenden Behandlungspfad, ohne dabei die adjuvante Chemotherapie zu ersetzen. Wenn wir das Ganze jetzt aus der Nutzenbewertungsperspektive betrachten, so entspricht das Patientenkollektiv der ADAURA-Studie der Fragestellung 2, die in der Nutzenbewertung gebildet wurde, und zwar, inwiefern der Zusatznutzen von Osimertinib im Vergleich zu beobachtendem Abwarten besteht, und zwar bei Patienten, die eine adjuvante Chemotherapie bekommen haben oder für diese nicht geeignet sind. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch – und gerade weil der Standard, also die adjuvante Chemotherapie, damals wie heute nach wie vor besteht –, dass sich die Behandlung mit Osimertinib anstelle von adjuvanter Chemotherapie in der Versorgung gar nicht wiederfindet. Das heißt, dass die Fragestellung 1, die in der Nutzenbewertung adressiert wurde, und zwar der Zusatznutzen von Osimertinib im Vergleich zur adjuvanten Chemotherapie, eher theoretischer Natur ist. Ich komme jetzt zu den eigentlichen Ergebnissen der ADAURA-Studie. Als Erstes sind die Rezidive zu nennen. Wir haben in der ADAURA-Studie unter Osimertinib eine Risikoreduktion von 76 Prozent für das Auftreten der Rezidive gesehen. Das muss man sich einmal bildlich vorstellen: Nach 24 Monaten waren unter Osimertinib 89 Prozent der Patienten und Patientinnen noch rezidivfrei. Im Placeboarm waren das nur noch 52 Prozent. Die weiteren Wirksamkeitsendpunkte, TFST, TSST, PFS, die wir dargestellt haben, unterstreichen diesen Wirksamkeitsvorteil und die lang anhaltende Wirkung von Osimertinib. Wenn Sie mir erlauben, würde ich diese Ergebnisse gerne einordnen. Wir haben hier ein relatives Risiko von 0,24. Ein Wirksamkeitsvorteil dieses Ausmaßes war in der Behandlung des adjuvanten NSCLC bisher nicht vorstellbar. Auch, wenn wir andere adjuvante Therapien bei anderen soliden Tumoren betrachten, haben wir einen Wirksamkeitsvorteil in einem solchen Ausmaß noch nicht gesehen, und das Ganze vor dem Hintergrund einer Erkrankung, die im fortgeschrittenen Stadium nach wie vor leider ein sehr geringes Fünfjahresüberleben aufweist. Wenn wir uns das Nebenwirkungsprofil von Osimertinib in der Adjuvanz anschauen, das wir in der ADAURA-Studie gesehen haben, dann entspricht es dem Nebenwirkungsprofil, das wir aus früheren Studien und aus dem metastasierten Setting kennen und auch dem, das wir bereits aus der Praxis kennen. Die aufgetretenen Nebenwirkungen sind mit den heutigen therapeutischen Möglichkeiten im klinischen Alltag gut adressierbar, sodass eine langfristige Unterbrechung der Osimertinib-Therapie nicht notwendig ist. Jetzt komme ich zur Auswertung der Lebensqualität. Wir haben in der ADAURA-Studie die Lebensqualität anhand des Fragebogens SF-36 gemessen. Dieser Fragebogen misst die körperliche und die psychische Gesundheit der Patienten und Patientinnen. Wir haben in der Studie über den gesamten Beobachtungszeitraum eine sehr hohe Rücklaufquote mit mindestens 84 Prozent gesehen. Wenn wir uns die Mittelwertdifferenzen anschauen, das heißt die MMRM-Analyse, so sehen wir zwischen den Studienarmen keinen klinisch relevanten Unterschied zwischen Osimertinib und Placebo. Das heißt, die Lebensqualität war in beiden Studienarmen gleichbleibend hoch. Das ist aus unserer Sicht eine robuste Analyse, die zur Ableitung des Zusatznutzens herangezogen werden kann. Das IQWiG hat in seiner Bewertung auf die Responderanalysen abgestellt. Diese Analysen betrachten die Zeit bis zur klinisch relevanten Verschlechterung. Das heißt, hier ist vor allem wichtig, dass eine kontinuierliche Erfassung der Lebensqualität vorhanden ist. Wir haben in der ADAURA-Studie aber die Situation, dass einige Patienten und Patientinnen aufgrund von zwei oder mehreren verpassten Visiten zensiert werden mussten. Der Anteil dieser Zensierungen ist absolut gesehen sehr gering. Allerdings haben wir auch einen sehr geringen Anteil an Patienten und Patientinnen, die sich überhaupt verschlechtert haben, sodass der Anteil der Zensierungen im Vergleich zu dem Anteil der Verschlechterungen doch relativ gesehen hoch ist. Aus unserer Sicht ist somit die Responderanalyse mit einem hohen Verzerrungspotenzial behaftet, sodass diese nicht zur Ableitung des Zusatznutzens heranzuziehen ist. Wenn wir das Gesagte zusammenfassend betrachten, haben wir mit Osimertinib eine zielgerichtete Therapie zur Ergänzung der bestehenden Standardtherapien im adjuvanten Setting des NSCLC in der kurativen Situation. Basierend auf den vorgelegten Vorteilen – hier sind insbesondere die großen Vorteile im Hinblick auf die Rezidive zu nennen – und unter Berücksichtigung der gleichbleibenden Lebensqualität und des Nebenwirkungsprofils leiten wir hier einen Hinweis auf einen erheblichen Zusatznutzen ab – und das für die gesamte versorgungsrelevante Patientenpopulation. Das entspricht der Teilpopulation 2 der Nutzenbewertung. – Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wir stehen für Fragen zur Verfügung.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 5–6

Herzlichen Dank, Frau Specht, für diese einleitende Betrachtung aus Sicht des pharmazeutischen Unternehmens. Ich würde zu Beginn gern zwei Fragen an die Kliniker stellen, die direkt an das anknüpfen, was Sie ausgeführt haben, Frau Specht. Sie haben zum einen gesagt, Sie haben das mit etwa der Hälfte der Patienten in der konkreten Behandlungssituation quantifiziert, die in den Genuss einer adjuvanten Chemotherapie kommen. Meine erste Frage an die Kliniker: Wie hoch schätzen Sie den Anteil an Patientinnen und Patienten in der klinischen Versorgung ein, die – das sage ich ausdrücklich – trotz Eignung für eine adjuvante Chemotherapie eine solche nicht erhalten? Und daran anknüpfend: Welche Kriterien werden für die Empfehlung einer adjuvanten Chemotherapie in der Praxis herangezogen? Die zweite Frage bezieht sich auf die von Frau Specht erwähnte Rezidivwahrscheinlichkeit, die stadienabhängig ist. In der Stellungnahme ist darauf hingewiesen worden, dass das Risiko eines Rezidivs selbstverständlich stadienabhängig sei. Im vorliegenden Anwendungsgebiet haben wir – das ist auch gesagt worden – verschiedene Stadien, die von der Zulassung umfasst sind. Insofern würde ich gerne von Ihnen Erläuterungen dazu bekommen, inwieweit das Stadium der Erkrankung bei der Therapieentscheidung für oder gegen Osimertinib eine Rolle spielt. Das sind, glaube ich, zwei Dinge, die zu Beginn adressiert werden sollten. Wer von den Klinikern kann oder möchte dazu etwas sagen? Können tun sie es alle. Ich sehe eine Wortmeldung von Herrn Professor Grohé, der sich als Erster gemeldet hat, dann würde ich Herrn Eberhardt bitten und danach vielleicht Herrn Wörmann noch ergänzend. – Herr Professor Grohé, bitte.

Herr Prof. Dr. Grohé (DGP)

Pages 6–6

Die von Frau Specht erwähnten Zahlen zur Häufigkeit der durchgeführten adjuvanten Therapie in den Stadien, die durch die Empfehlung der S3-Leitlinie dokumentiert sind, sind, wie gesagt, relativ niedrig. Die liegt in den Dokumenten der Deutschen Krebsgesellschaft von den zertifizierten Lungenkrebszentren wirklich um die 50 bis 60 Prozent im Rahmen der Indikation bei den Patienten, denen wir das empfehlen, und sie variiert auch in Abhängigkeit von der Stadiensituation. Bei kleineren Stadien ist die Datenlage noch schlechter als bei Stadien im Bereich IIIA. Die durchgehende Verbesserung der Struktur durch zertifizierte Lungenkrebszentren hat es zu einer Verbesserung gebracht, aber wir erleben aufgrund der zunehmenden Alterspyramide, die wir beim Lungenkrebs sehen, zunehmend ältere Patienten, dass die Indikation und die Empfehlung stattfinden, wir aber trotz alledem keine Zahlen erreichen, die im Vergleich zu anderen soliden Onkologieentitäten zufriedenstellend sind. Sie dümpeln bei 50, 60 Prozent. – Danke.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 6–6

Herzlichen Dank, Herr Professor Grohé. Das hat mich in der Vorbereitung ein wenig schockiert, muss ich wirklich sagen. – Aber, Herr Eberhardt, liegt das auch nach Ihrer Wahrnehmung und Ihren Daten, die Sie kennen, so etwa in diesem Score?

Herr PD Dr. Eberhardt (AIO)

Pages 6–7

Die Situation ist eigentlich so, wie Herr Grohé das dargestellt hat, wobei man sagen muss, wir haben schon einen Lerneffekt gehabt. Man muss vielleicht historisch sagen: 2004 ist die erste Publikation der REAL-Studie zur adjuvanten Chemotherapie herausgekommen, und 2008 dann die große Metaanalyse, die LACE-Metaanalyse. Danach sind die Kollegen auch in Deutschland dazu übergegangen, adjuvante Chemotherapie zu machen. Dann ist es tatsächlich so – das können wir an diesen Daten von den zertifizierten Lungenkrebszentren relativ schön nachvollziehen –, dass der Anteil am Anfang bei 35, 40 Prozent lag, er ist aber mittlerweile angestiegen. Wir selbst haben in unserer Registerstudie in dem CRISP-Register auch Stadium II und IIIA involviert. Da ist es momentan in dem aktuellen Update so, dass doch 79 Prozent der Patienten im Stadium II die adjuvante Therapie bekommen. Da sind tatsächlich Lerneffekte, die wir mittlerweile auch abfragen können. Im Stadium IIIA liegt dies bei 53 Prozent, aber da vielleicht eher, weil im Stadium IIIA die große Kompetation da ist, dass man die Patienten primär einer definitiven Chemostrahlentherapie oder einem multimodalen Therapiekonzept mit Induktionstherapie zuführt. Ich würde sagen: Die Zahlen sind etwas angestiegen, aber nicht optimal. Man muss berücksichtigen – das hat Herr Grohé gesagt –, dass die Patienten doch älter sind und viele Komorbiditäten haben. Ich meine, es ist mit den Patienten gemeinsam zu entscheiden: Machen wir jetzt doch eine adjuvante Chemotherapie, oder entscheidet sich der Patient dagegen, entscheidet sich der Therapeut aufgrund der Komorbiditäten dagegen? Das ist eine sehr schwierige Entscheidung, die in der Tumorkonferenz auch nur halb getroffen werden kann, sage ich jetzt mal ganz offen, weil man den Patienten selber noch mit dazu nehmen muss. Da sitzt natürlich nicht der Patient, das heißt, da ist das Aufklärungsgespräch sehr wichtig. Also, es ist tatsächlich so: Der Anteil ist angestiegen, aber es ist schwierig, jetzt a priori festzulegen, was mit dieser Gruppe ist, die man sozusagen nicht adjuvant chemotherapieren kann, oder welches die Gruppe ist, die zwar adjuvant chemotherapiert werden sollte, aber dann aufgrund irgendwelcher Komorbiditäten doch nicht behandelt wird, oder weil der Patient hinterher doch abspringt. Das, was das IQWiG mit diesen zwei Gruppen aufgemacht hat, ich glaube, das ist in der Praxis sehr schwierig zu evaluieren. Darauf ist Herr Grohé auch eingegangen. – Danke.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 7–7

Danke schön, Herr Eberhardt. – Herr Wörmann.

Herr Prof. Dr. Wörmann (DGHO)

Pages 7–7

Ich glaube, ich habe drei kurze Ergänzungen. Der erste Punkt, glaube ich, Herr Hecken, ist das, was Sie gerade gesagt haben. Sie sprachen vom Genuss der adjuvanten Therapie. Wer kommt in den Genuss der Therapie? Das wird von den Patienten nicht immer als ein solcher wahrgenommen. Da es eine platinhaltige Therapie ist, ist das durchaus ein Quantensprung gegenüber einer Therapie mit Osimertinib als Tablettentherapie. Insofern macht es einen Unterschied, das Kollektiv ist eben ein anderes. Der Punkt, den Sie dann angesprochen hatten, war: Was machen die Stadien für einen Unterschied? Da haben wir ein kleines Problem, weil die in der Studie aufgenommenen Patienten mit einem Tumor über 4 cm als Stadium IB klassifiziert wurden und nach der neuen Klassifikation jetzt Stadium II sind. Das heißt, wir haben dort einen Stadienshift, wir haben mehr Patienten im Stadium II, als in der Studie klassifiziert waren, weil die als höheres Risiko gelten. Ich sage es nur vorsichtig, das macht es für Sie nicht einfacher; ist aber leider die Realität. Die größeren Patienten, die früher IB waren, haben eine schlechtere Prognose und qualifizieren jetzt auch für eine adjuvante Therapie. Ganz kurz vielleicht noch zu unserer Historie: Ich persönlich war am Anfang etwas kritisch, als ich die Daten der Studien gesehen habe. Der Hintergrund ist der, dass die Vorgängerpräparate Gefitinib und Erlotinib in mehreren adjuvanten Studien getestet worden waren, vor allem im asiatischen Raum, und keine langfristige Verbesserung der Prognose gebracht haben. Die Schlussfolgerung scheint hier zum einen zu sein, offensichtlich ist es wichtig, ein wirklich potentes Präparat einzusetzen, und da ist Osimertinib etwas wirksamer als die anderen. Der Punkt ist auch, dass hier relativ viele Patienten aus dem europäischen Raum mit drin waren, sodass die Daten auf unseren Kontext wohl wirklich übertragbar sind. Wenn Sie mir noch eine kleine Zusatzbemerkung erlauben: Ich glaube, es wäre wichtig, zu sehen, ob nach ein paar Jahren der Effekt derselbe ist, weil wir unter uns auch kritisch diskutieren, ob wir Rezidive verhindern oder das Auftreten von Rezidiven verzögern. So, wie es jetzt aussieht, sind die Hazard Ratios phantastisch. Ich glaube, man kann das den Patienten nicht mehr vorenthalten. Kein Rezidiv zu bekommen, hat einen sehr hohen Wert. Ich glaube, hier würde es sinnvoll sein, nach ein paar Jahren die Daten noch mal anzuschauen, um zu sehen, ob sich dieser Effekt langfristig etabliert.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 7–7

Herzlichen Dank, Herr Professor Wörmann. – Jetzt habe ich Herrn Vervölgyi vom IQWiG und dann Herrn Hastedt vom GKV-SV. – Herr Vervölgyi, bitte.

Herr Dr. Vervölgyi ()

Pages 7–7

Vielen Dank. – Ich hätte eine Frage oder besser eine Bemerkung, die an diesen Themenkomplex anknüpft. Die Frage ist, ob wir hier nicht eine andere Situation haben. Sie haben die Zahlen genannt, die stimmen dann auch relativ ähnlich mit denen überein, die wir in der Studie sehen, Anteil der Patienten, die eine adjuvante Chemotherapie bekommen. Nur ist es hier so, dass die Patienten gegebenenfalls in Aussicht einer zielgerichteten – Sie haben es gerade gesagt, Herr Wörmann – Tablettentherapie sind, einer chemotherapiefreien Therapie sozusagen. Die Frage ist, ob bezogen auf diese Studie alle Patienten, die keine Chemotherapie bekommen haben, solche waren, die dafür definitiv nicht geeignet waren. Die Studie gab es eigentlich nicht her. Die Einschlusskriterien haben das einfach nicht festgelegt, ob die Patienten dafür geeignet waren oder nicht. In den Einschlusskriterien steht allein der Ausdruck „falls anwendbar“. Das heißt, wenn es so war, dann sollte das und das passieren. Aber da stand mit keinem Wort, dass die Patienten auf gar keinen Fall geeignet sein sollten. Es wäre die Frage, ob man das in diesem Zusammenhang berücksichtigen müsste.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 7–7

Danke schön. – Herr Professor Wörmann und dann Herr Professor Grohé.

Herr Prof. Dr. Wörmann (DGHO)

Pages 8–8

Ich möchte es nur für die Kliniker beantworten. Wir sind seit einigen Jahren sehr davon überzeugt, dass die adjuvante Therapie eine langfristige Verbesserung der Überlebensrate gebracht hat, auch noch anders, was ich eben so vorsichtig angedeutet habe, die Frage der Verzögerung oder wirklich Verhinderung. Die adjuvante Therapie in der großen Metaanalyse die wir, glaube ich, sehr glaubwürdig zuletzt von Duyar hatten, ist so, dass es in der Tat mehr Langzeitüberlebende gibt und wir sehr viele Anstrengungen gemacht haben, die Patienten wirklich zu identifizieren, die das zu bekommen haben. Herr Eberhardt hat gesagt, welche Anstrengungen wir Kliniker gemacht und diese Rate bei ihm im CRISP-Register auf 79 Prozent hochgebracht haben. Mein Eindruck ist, dass kein Arzt in einer randomisierten Studie gegen Placebo einem Patienten nicht geraten hätte, die Platintherapie als Erstes zu nehmen und die Chance, die er dann hat, den Spatz in die Hand zu nehmen, ehe er die Taube auf dem Dach in der Studie noch erprobt. Das ist mein Eindruck.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 8–8

Herzlichen Dank, Herr Wörmann. – Herr Professor Grohé, Sie hatten sich gemeldet und dann Herr Dr. Eberhardt.

Herr Prof. Dr. Grohé (DGP)

Pages 8–8

Herr Vervölgyi, vielleicht noch einmal zurück zu den Ein- und Ausschlusskriterien in dieser Studie: Grundsätzlich bieten wir allen Patienten, die dafür infrage kommen, aufgrund ihres Gesamtgesundheitszustandes eine adjuvante Therapie an. Das Gleiche gilt auch für diese Studie. Das unterscheidet die Studie nicht von unserem Vorgehen im Konzept. Grundsätzlich wird die Entscheidung nicht getroffen: Ein- und Ausschlusskriterien für eine Studie in der Adjuvanz, bevor der Patient in der klassischen Tumorkonferenz vorgestellt wird nach erfolgter Operation, postoperativ 6 Wochen innerhalb des Zeitfensters, das wir nutzen können, um eine adjuvante Therapie anbieten zu können. In diesem Tumorprotokoll wird hinterlegt, ob ein Patient eine adjuvante Therapie als Angebot bekommen hat, und danach entscheiden wir unabhängig von dieser Tumorkonferenz, ob der Patient ein Einschluss- oder Ausschlusskriterium für eine Studie hat. Das sind zwei komplett autonome Vorgänge, und allen Patienten wurde die adjuvante Therapie angeboten. Das mendelt genau das heraus, was Herr Eberhardt gesagt hat: Sie bieten allen Patienten das potenzielle Konzept einer Adjuvanz an, aber nicht alle Patienten nehmen das Angebot unabhängig von der platinhaltigen Doublette an. Das sind zwei autonome unabhängige Prozesse, die zur Qualitätssicherung in unseren Zentren dienen.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 8–8

Herzlichen Dank, Herr Grohé. – Herr Eberhardt ergänzend oder ist alles gesagt?

Herr PD Dr. Eberhardt (AIO)

Pages 8–8

Es ist eigentlich alles gesagt.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 8–8

Okay, danke schön. – Herr Vervölgyi, Nachfrage?

Herr Dr. Vervölgyi ()

Pages 8–8

Nein, vielen Dank, das reicht mir so.

Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)

Pages 8–8

Danke schön. – Herr Hastedt, GKV-SV.

Herr Dr. Hastedt ()

Pages 8–8

Guten Morgen! Wir haben auch eine ganze Reihe Fragen zu dem Fall. Ich bleibe vielleicht kurz bei der Eignung für die platinbasierte Vortherapie, weil das, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt ist. Ich wollte fragen, ob ich das richtig verstanden habe. Sie haben gesagt, Sie gehen davon aus, dass in dieser Studie fast allen Patienten eine adjuvante platinbasierte Therapie angeboten wurde, und trotzdem haben 40 Prozent der Patienten keine platinbasierte Therapie bekommen. Die Patienten in der Studie waren außerdem noch jünger als im Versorgungsalltag, Anfang 60, und hatten alle einen ECOG-Performancestatus von 0 bis 1, also einen sehr guten körperlichen Allgemeinzustand. Ist es also in der Studie, wenn die Patienten keine Platinvortherapie bekommen haben, primär auf den Patientenwunsch zurückzuführen? Habe ich das richtig verstanden?