Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 3–3
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich begrüße Sie ganz herzlich im Unterausschuss Arzneimittel des Gemeinsamen Bundessausschusses. Wir haben heute Montag, wieder Anhörungstag. Wir beginnen mit Setmelanotid, einem Orphan: Markteinführung, Indikation: Behandlung von Adipositas und zur Kontrolle des Hungergefühls bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 6 Jahren mit einem POMC-Mangel einschließlich PSCK1- oder LEPR-Mangel. Im Stellungnahmeverfahren, dessen Basis die Dossierbewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 1. September 2022 ist, haben wir eine Stellungnahme vom pharmazeutischen Unternehmer – das ist Rhythm Pharmaceuticals – erhalten, außerdem eine gemeinsame Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Weitere Stellungnahmen haben uns von Novo Nordisk Pharma GmbH, vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller und vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie erreicht. Ich muss zunächst, da wir wieder Wortprotokoll führen, die Anwesenheit feststellen, damit das auch entsprechend protokolliert werden kann. Leider, so muss ich sagen, ist kein Kliniker bei der heutigen Anhörung angemeldet; das ist schade, weil es sicherlich einige Fragen an die klinischen Experten gegeben hätte. Für den pharmazeutischen Unternehmer sind Herr Schmeil, Herr Touchot, Herr Caeser und Herr Professor Dr. Wabitsch zugeschaltet, für Novo Frau Dr. Knerr-Rupp und Herr Hartmann, für den BPI Herr Professor Schönermark und Herr Dr. Wilken sowie für den vfa Herr Dr. Rasch. Ist sonst noch jemand da, der nicht aufgerufen worden ist? – Das ist erkennbar nicht der Fall. Dann gebe ich zunächst dem pharmazeutischen Unternehmer die Möglichkeit, aus seiner Sicht auf die wesentlichen Punkte der Dossierbewertung des G-BA und darüber hinaus natürlich auch auf wesentliche Punkte des Dossiers einzugehen. Anschließend werden wir in die Fragerunde einsteigen. – Wer macht das für den pharmazeutischen Unternehmer?
Herr Schmeil (Rhythm)
Pages 3–3
Das würde ich übernehmen, Herr Professor Hecken.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 3–3
Ja, bitte schön, dann haben Sie das Wort, Herr Schmeil.
Herr Schmeil (Rhythm)
Pages 3–5
Sehr geehrter Herr Professor Hecken! Sehr geehrte Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich freue mich, Ihnen in wenigen Worten eine kurze Einführung zu Setmelanotide geben zu dürfen. Dabei werde ich mich auf vier Punkte konzentrieren, zum einen das Wirkprinzip, ein paar Worte zur Erkrankung, die Bedeutung der Behandlungseffekte von Imcivree, wie es mit Produktnamen heißt, für die Patienten gemäß unserer pivotalen Studie, und ich werde auch kurz auf Langzeitdaten eingehen. Erlauben Sie mir aber eingehend die Bemerkung, dass wir ausdrücklich den Beschluss des G-BA begrüßen, Setmelanotide auf die Ausnahmeliste des Ausschlusses der Erstattung der sogenannten Lifestyle-Medikamente zu setzen. Beginnen möchte ich jedoch mit einer Vorstellung der von uns eingeladenen Personen. Ich beginne mit Herrn Professor Dr. Martin Wabitsch. Er ist Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Klinikum für Kinder- und Jugendmedizin sowie Vorsitzender des Zentrums für Seltene Endokrine Erkrankungen am Universitätsklinikum Ulm. Er war unter anderem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie sowie Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Erforschung und auch mit der klinischen Versorgung von Patienten mit genetisch bedingter Adipositas und wird als Experte zu seinen praktischen Erfahrungen mit Setmelanotide Stellung nehmen. Des Weiteren ist Herr Dr. Nicolas Touchot anwesend. Can you raise your hand? – Er ist International Market Access Lead von Rhythm Pharmaceuticals. Herr Dr. Manfred Caeser von der Firma Staatz hat Rhythm in der Dossiererstellung unterstützt und wird heute zu Fragen des Dossiers sowie zu den Studien und zur Produktentwicklung Stellung nehmen wird. Mein Name ist Hannes Schmeil; ich bin Geschäftsführer bei Rhythm Pharmaceuticals Germany GmbH, zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Rhythm Pharmaceuticals wurde 2008 gegründet, hat seinen Sitz in Boston/USA und forscht seit seiner Gründung am Melanocortin-4-Rezeptor-Signalweg, der zentralnervös im Hypothalamus an der Regulation von Hungersättigung und Energieumsatz beteiligt ist. Ein Ergebnis dieser Forschung ist Setmelanotide, ein selektiver Agonist dieses Rezeptors. POMC-, PSCK1- und Leptinrezeptor-Mangel-Adipositas ist eine sehr seltene, genetisch verursachte Störung dieses Stoffwechselweges; es gibt in Deutschland nur sehr wenige Patienten mit dieser Erkrankung. Vor allem bei dieser rezessiv vererbten Erkrankung beider Allele des Gens kommt es in der Folge zu einem unstillbaren und permanenten starken Hungergefühl, begleitet von Heißhungerattacken. Die Folge ist, dass diese Patienten schon in der sehr frühen Kindheit massiv an Körpergewicht zunehmen und bereits im Alter von zwei Jahren nicht selten über 20 kg wiegen können – das entspricht dem Gewicht eines Sechsjährigen –, und sie fallen durch einen extremen Body-Mass-Index von 40 und mehr auf oder können es tun. Die Hyperphagie ist nicht nur eine wesentliche Beeinträchtigung des Lebens dieser Patienten, die den ganzen Tag buchstäblich an nichts anderes als an die nächste Nahrungsaufnahme denken können und deren Nahrungssuchverhalten mitunter ungewöhnliche Formen annimmt. Oft sind sie sozial isoliert, können kaum einer geregelten Ausbildung nachgehen und sind in der Regel auch nicht berufstätig. Für die Angehörigen ist der Umgang mit ihnen eine fortwährende Belastung und sogar eine Gefährdung des familiären Friedens. Abgesehen davon tragen die Patienten zusätzlich ein durch die Adipositas bedingtes erhebliches kardiovaskuläres Risiko mit sich herum und erleiden weitere Komorbiditäten. Wie von Wabitsch et al. in diesem Jahr publiziert wurde, durchlaufen diese Patienten in der Regel eine lange Historie unterschiedlicher Behandlungen und Unterstützungsmaßnahmen, ohne dass eine nennenswerte Kontrolle der Erkrankung erreicht wird. Hierzu gehören auch die bei Adipositas üblicherweise angewandten Strategien zur Gewichtsreduktion: die Änderung des Essverhalten, Diäten und körperliche Aktivität. Diese scheitern jedoch bei fast allen dieser Patienten, da sie nicht an der Ursache des Problems ansetzen. Mit Setmelanotide, zugelassen bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren zur Behandlung von Adipositas und zur Kontrolle des Hungergefühls bei durch Funktionsverlustmutationen bedingtem biallelischem POMC-, PCSK1- und Leptinrezeptor-Mangel, liegt nun erstmals eine kausale Behandlung dieser seltenen, genetisch bedingten Form der Adipositas vor. Hierbei wirkt Setmelanotide als Agonist des MC4-Rezeptors und korrigiert den Funktionsverlust des Stoffwechsels, sodass eine Kontrolle von Hunger und Sättigung wieder ermöglicht wird. In den klinischen Zulassungsstudien und der Nachbeobachtungsstudie hat sich Setmelanotide als hochwirksam und als sicher erwiesen. Es bewirkt eine starke und anhaltende Reduktion des Hungers und des Körpergewichts bzw. des Body-Mass-Index, bei Kindern und Jugendlichen des Body-Mass-Index z-Scores in allen Altersgruppen. Korrespondierend dazu bewirkt Setmelanotide einen Anstieg der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Verfügbare Daten aus der Nachbeobachtungsstudie bestätigen die Ergebnisse der Zulassungsstudien und zeigen, dass Setmelanotide bei einem Teil der Patienten in der Lage ist, das Körpergewicht und den Body-Mass-Index unter die Grenze der Adipositas abzusenken und diesen Effekt über einen sehr langen Zeitraum von drei Jahren fortzuschreiben. Erste verfügbare Daten bei Behandlung über sieben Jahre bestätigen, dass bei Patienten, die auf Setmelanotide ansprechen, die klinische Wirkung auch langfristig erhalten bleibt. Da die Nachbeobachtungsstudie noch läuft, erwarten wir, dass zukünftige Datenschnitte diese ersten Ergebnisse bestätigen werden. Die Nebenwirkungen einer Behandlung mit Setmelanotide sind in der Regel transient, mild und gut beherrschbar. Im Vordergrund stehen eine reversible Hyperpigmentierung der Haut und der Haare sowie lokale Reaktionen an der Einstichstelle. Eine von Wabitsch und Kühnen 2022 veröffentlichte Studie mit den Ergebnissen von Tiefeninterviews betroffener Patienten in Deutschland zeigt eindrücklich die subjektiv wahrgenommene Verbesserung der Lebenssituation der Patienten unter Setmelanotide, die zurückgewonnene soziale Teilhabe und die Verbesserung der Lebensqualität im Allgemeinen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass mit Setmelanotide erstmals eine Behandlung zur Verfügung steht, die Adipositas aufgrund von POMC- oder Leptinrezeptor-Mangel kausal behandelt, einen nachhaltig günstigen Effekt auf das Hungergefühl hat, das Körpergewicht hochsignifikant senkt, sicher und einfach anzuwenden ist sowie den Patienten Lebensqualität zurückgibt und wieder eine Teilhabe am Leben ermöglicht. – Damit danke ich Ihnen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit; wir freuen uns auf den Dialog mit Ihnen.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 5–5
Ganz herzlichen Dank, Herr Schmeil, für diese Einführung. – Ich habe eine Frage an Sie als pharmazeutischen Unternehmer. Das wird wahrscheinlich in Richtung Professor Wabitsch gehen, weil er sich doch offensichtlich intensiver mit den Fragestellungen beschäftigt hat. Sie haben eben auch die Publikation erwähnt, in der er Mitautor war. Wir haben jetzt zum ersten Mal in einem Dossier den Endpunkt „Hunger“ und die Operationalisierung über einen patientenberichteten Fragebogen gesehen, also einen Hunger-Score. Vielleicht können Sie uns dazu noch einige Erläuterungen geben, damit wir noch besser als nach dem Dossier einschätzen können, wie wir mit diesem Endpunkt und mit diesem Hunger-Score umgehen können. Wie gesagt, ich überlasse Ihnen, wer das beantwortet. – Herr Schmeil.
Herr Schmeil (Rhythm)
Pages 5–5
Ich denke, die Anfrage beinhaltet zwei Aspekte. Das eine ist mehr die technische oder methodische Frage; dazu werde ich an Herrn Caeser übergeben. Zum praktischen Umgang mit derlei Fragebögen sind tatsächlich aus der Arbeitsgruppe von Herrn Professor Wabitsch kürzlich Daten veröffentlicht worden. – Herr Caesar, vielleicht wollen Sie mal beginnen.
Herr Dr. Caeser ()
Pages 5–5
Sie haben absolut recht: Hunger ist im Grunde genommen ein neuer Endpunkt hier in der Untersuchung von Adipositas, der natürlich für die Indikation, mit der wir uns hier beschäftigen, absolut zentral ist; denn letztendlich ist es so, dass durch die Mutationen am POMC und LEPR auch das Hungergefühl oder das Sättigungsgefühl der Patienten aus dem Takt gerät, sodass die Patienten fortwährend, wie Herr Schmeil bereits erläutert hat, hungrig sind und nach Nahrung suchen. Weil es in der Vergangenheit zu diesem Endpunkt „Hunger“ oder der Operationalisierung gar keine Fragebögen gab ...
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 5–5
Man versteht Sie nicht mehr, Herr Caeser. (Störung der Tonübertragung)
Herr Schmeil (Rhythm)
Pages 5–5
Herr Professor Hecken, können wir vielleicht an der Stelle an Herrn Professor Wabitsch überleiten?
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 5–5
Ja, klar. Ich habe gesehen: Herr Caeser hat sich ausgeloggt; er wird wieder neu hineinkommen. – Herr Wabitsch, bitte.
Herr Prof. Dr. Wabitsch (Rhythm)
Pages 5–5
Herr Professor Hecken! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vielleicht vorab: Sie sagten vorher, es sei schade, dass kein Kliniker dabei sei. So fühle ich mich schon und bin das auch, aber eben nicht als unabhängiger Kliniker, sondern jetzt von der Firma eingeladen.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 5–5
Eben. Das war die Bemerkung.
Herr Prof. Dr. Wabitsch (Rhythm)
Pages 6–7
Das ist richtig, und das muss man auch so konstatieren. Das liegt auch daran, dass wir hier in Ulm bei den Phase-II- und Phase-III-Studien bei mir in der Abteilung mitgemacht haben, sodass da einfach diese Beziehung da ist; das muss bekannt sein. Und damit haben wir jetzt keinen unabhängigen Kliniker. Dazu muss ich vorab sagen, dass wir in Deutschland nur zwei Zentren haben, wo solche Patienten gesehen werden. Das ist hier in Ulm und an der Charité in Berlin, bei Herrn Professor Kühnen, der damals gemeinsam mit der Firma Rhythm den Investigator Initiated Trial bekommen hatte, sodass es eigentlich nur zwei Personen gibt, die im Moment aus praktischer Erfahrung berichten können. Aber jetzt zu der Frage, die ja ganz wichtig ist, und ich finde es toll, dass sich gleich die erste Frage auf Hyperphagie als hier zentrales Geschehen und als Parameter bezieht, der für die Patienten relevant ist und bei dem das Medikament Einfluss hat. Man muss aus der Medizin heraus sagen: Wir haben keine Methoden, das korrekt zu quantifizieren und zu messen, es gibt keine Referenzwerte. Wir sind da methodisch schlecht aufgestellt. Dennoch ist es ein Charakteristikum, das zentrale Merkmal aller Störungen, die in den Melanocortin-4-Rezeptor-Pathways auf der Basis von seltenen Genvarianten, also Mutationen, auftreten. Wir können diesen biologischen Parameter im Moment nicht gut darstellen. Hier in den Studien wurden die visuellen Analogskalen verwendet, die von einem Individuum zum anderen eine hohe Variabilität haben, aber die dann bei einer Intervention doch sehr gut zeigen, wie sich dieses Hungergefühl verändert, das die Patienten auf der Skala darzustellen versuchen. Mehr ist eigentlich jetzt zu der Methodik nicht zu sagen, aber zur Biologie spreche ich noch einen Aspekt an. Wir kennen diese Krankheiten noch nicht lange. Das Ganze ging los, als Leptin entdeckt wurde, vor 25 Jahren, zunächst als Ursache der Störung der Energiehomöostase-Regulation bei der OB/OB-Maus, und dann anschließend auch ganz wenige Kinder identifiziert wurden, die das haben. Daraufhin wurde dieser Pathway – Leptin, Leptinrezeptor, POMC-Melanocortin-4-Rezeptor – im Gehirn beschrieben. Dabei waren immer zuerst die Tierexperimente mit den Modellen da, Tiere, die Defekte in den Pathways hatten, und dann hat man parallel beim Menschen in ganz seltenen Fällen solche Defekte in diesen Pathways ebenfalls gefunden. Als Kinderärzte hatten wir bisher in Parallelität eigentlich nur Hirntumore. Wir hatten das Craniopharyngiom bei Kindern und Jugendlichen, und wir wussten, dass diese Patienten, wenn sie operiert wurden und dann einen Defekt im Hypothalamusbereich hatten, extrem dick wurden und gegessen, gegessen, gegessen haben und dies niemand in irgendeiner Form beeinflussen konnte. Da gibt es eine anatomische Veränderung. Jetzt kennen wir seltene genetische Veränderungen, die den Sollwert der Energiehomöostase verändern, Sättigungssignale nicht mehr adäquat weitergeben, und dann kommt es durch die ständige Hyperphagie zu einem sehr hohen Körpergewicht. Diese gestörten Signale in dem Pathway des sogenannten homöostatischen Systems im Hypothalamus können einen derart imperativen und unwiderstehlichen Charakter haben, dass es wie eine Sucht ist. Aber es ist keine psychiatrische Sucht, sondern eine physiologische Sucht, sodass bei den betroffenen Menschen das Gehirn meint, sie seien am Verhungern. Es ist wie beim Diabetes insipidus; das ist ein gutes Parallelbeispiel. Diese Kinder und auch später die Jugendlichen haben ständig das Gefühl, sie verhungerten, und zwar ist das zentral gesteuert. Sie haben dieses essensuchende Verhalten. Wenn dieses Kind jetzt hier bei mir im Büro wäre, würde es alles, was irgendwie nach Essen aussieht, in die Finger nehmen, es zu sich nehmen und versuchen zu essen. Wir haben Testmahlzeiten gemacht: Ein Zweijähriger isst am Morgen zum Frühstück 1.500 kcal, also bis er bis oben voll ist, und dann fängt er nach einer Stunde wieder an. Damit will ich beschreiben, dass das nichts mit „Ich hab Hunger“ in dem Sinne zu tun hat, was wir jetzt als Hunger empfinden, sondern das ist, wie gesagt, eine imperative unwiderstehliche Störung, die durch diesen Gendefekt ausgelöst wird. Es wurden gerade Zahlen genannt. Wir haben das eigentlich über den BMI festgelegt. Die Kinder haben im Alter von 2 Jahren einen BMI von 25, im Alter von 5 Jahren von 30. Wenn das überschritten wird, dann ist das ein starkes Indiz für eine genetische Veränderung – so haben wir das auch publiziert –, eine biallelisch genetische Veränderung in diesem Pathway. Dann wurde lange gesucht. Bei den Erstbeschreibern, die diese Kausalität gezeigt haben, den Berlinern an der Charité, war es dieser Leptinmangel; dann kam der Leptinrezeptordefekt und dann der POMC-Defekt. Beim POMC-Defekt fehlt dann direkt auch dieses Melanocortin-4; das ist der Ligand für den Rezeptor. Die Gruppe an der Charité hat über Jahre nach einem Molekül gesucht, das man subkutan spritzen oder als Pille einnehmen kann, das die Bluthirnschranke überschreitet und dann an dem Rezeptor wirkt; dies ist nicht gelungen. Erste Phase-I- und Phase-II-Studien mussten wegen Nebenwirkungen beendet werden, und erst jetzt, vor nunmehr auch schon fast 10 Jahren, wurde in Kooperation mit der Firma Rhythm, die dieses Setmelanotide als Molekül hatte, beschrieben und dann auch gezeigt, dass es die Blut-Hirn-Schranke überwindet, wenn man es subkutan verabreicht, dass es eine vernünftige Halbwertszeit hat, sodass man es nur einmal am Tag spritzen muss, und es eine Wirkung am MC4-Rezeptor zeigt. Das heißt, man überbrückt den Defekt in dem Pathway, und dieses Molekül wirkt am Sättigungsrezeptor: Dort, wo normalerweise kein Signal ankommt, wirkt es. Die Nebenwirkungen sind tatsächlich relativ blande, relativ unauffällig, unproblematisch. Die Hauptnebenwirkung ist die Mitreaktion des MC1-Rezeptors, also eine Hautverdunkelung, Hautpigmentierung, die unter der Therapie zunimmt. Aber ansonsten ist es gut verträglich. Daraufhin haben diese Patienten plötzlich durch das Medikament den Zustand, den sie hätten, wenn sie nicht diesen Defekt hätten. Am deutlichsten ist es beim POMC-Defekt, wobei gar kein Melatocortin-4 im Gehirn produziert wird – da machen sie sozusagen eine Hormonersatztherapie –, und beim Leptinrezeptordefekt ist es auch so, nur mit der Besonderheit, dass da wirklich nur ein Pathway durch das Setmelanotide ergänzt wird und ein anderer, weil der Leptinrezeptor noch anders verschaltet ist, nicht beeinflusst wird, sodass da eine Reststörung bleibt. Beim POMC-Defekt hat man eine komplette Substitution quasi an der Stelle, beim Leptinrezeptordefekt hat man eine gute Substitution, aber eine Reststörung, die übrigbleibt. So, jetzt habe ich viel geredet. Aber ich weiß, dass Sie das verstehen, Herr Professor Hecken, und ich hoffe, die anderen auch, die jetzt am Tisch sitzen. – Ich weiß nicht, ob ich noch weiter über die Patienten sprechen soll, die wir haben.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 7–7
Ja, Sie können ruhig noch zwei, drei Minuten weitermachen.
Herr Prof. Dr. Wabitsch (Rhythm)
Pages 7–8
Wir haben insgesamt 13 Patienten, die wir in den letzten vier Jahren hier am Studienzentrum betreut haben. Davon sind sechs Patienten mit Leptinrezeptordefekt, und die anderen sieben Patienten sind im Moment in einer Phase-II-Studie für andere Defekte in diesem Pathway. Also, wir haben sechs Patienten mit Leptinrezeptordefekt. Davon sind drei bereits aus der klinischen Studie heraus und befinden sich jetzt bereits, mit einem Rezept versehen, in der Regelversorgung. Wir haben einen weiteren Patienten, der gar nicht in der Studie ist, sondern das Medikament jetzt schon bekommt, ebenfalls mit einem Leptinrezeptordefekt. Was passiert, wenn diese Kinder und Jugendlichen damit behandelt werden? Zwei der Jugendlichen hatten vorher bereits einen bariatrischen chirurgischen Eingriff, der keinen Erfolg hatte. Sie sind also operiert worden, unter 18 Jahre, also als Minderjährige, weil man keine andere Lösung gesehen hatte. In der Vorgeschichte wollte man sie den Eltern wegnehmen – das Jugendamt war da involviert –, aber das ist zum Glück nicht passiert. Die Operation brachte nichts, und mit dem Medikament haben sie dann zum ersten Mal in ihrem Leben Sättigung gespürt und haben gesagt: „Jetzt bin ich wie neugeboren“ – so berichten sie das; wir haben auch ein paar Interviews dazu veröffentlicht –, weil sie das erste Mal erfahren haben, was es heißt, satt zu sein. Mit diesem Sättigungsgefühl war der Junge dann in der Lage, eine Ausbildung zu machen, was er vorher nicht konnte, und das Mädchen war in der Lage, sich in der Freizeit auch mal mit anderen Dingen zu beschäftigen als mit Essen. Über die Beeinflussung dieser Sättigungsempfindens kommt es dann auch zu einer Veränderung des Körpergewichts, weil einfach die Energiehomöostase verschoben wird und normal bleibt, stabil normal bleibt, und sie nehmen dann auch ab. Wir haben den Eindruck: Je früher man mit der Therapie beginnt, umso besser ist es. Wenn man erst spät beginnt, scheint es so zu sein, als ob man dann nicht mehr alles ändern, also das komplette Gewicht nach unten fahren kann. Ein früher Beginn dieser Substitutionstherapie, diese Hormonersatztherapie – so kann ich es als Endokrinologe auch nennen – ist also ratsam, damit dieser Regelkreis schon möglichst früh normalisiert wird. Jetzt warte ich einfach auf weitere Fragen. Ich habe versucht, in der Kürze das hineinzunehmen, was mir für die jetzige Diskussion wichtig erschien.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 8–8
Danke schön, Herr Professor Wabitsch. – Herr Caeser, wir hatten Sie eben verloren. Haben Sie noch Ergänzungen?
Herr Dr. Caeser (Rhythm)
Pages 8–8
Bitte entschuldigen Sie; ich kann nicht klären, woher das kommt. – Ich habe nur die Ergänzung, die dann etwas in das Thema Operationalisierung geht, Herr Professor Hecken; das war ja auch ein Teil Ihrer Frage. Über die Neuartigkeit dieses Endpunktes und das Nichtvorliegen von entsprechenden Instrumenten hatten wir schon diskutiert. Rhythm hat dann in Zusammenarbeit mit Fachexperten und der FDA den Daily Hunger Questionnaire entwickelt, der letztendlich auch zum Teil validiert wurde. Dazu gibt es einen Report, den wir mit eingereicht hatten. Dieser Daily Hunger Questionnaire bildet letztendlich das Geschehen um den Hunger herum sehr vollständig ab, weil er das berücksichtigt, was wir den Morgenhunger nennen, also Hunger direkt beim Aufstehen. Das ist zum einen von Bedeutung, weil da der Tag beginnt, ich davor geschlafen habe und möglicherweise sehr hungrig bin, aber natürlich auch vor Gabe des Medikamentes. Die anderen beiden Dimensionen des Fragebogens sind der stärkste empfundene Hunger und der durchschnittliche Hunger, sodass wir doch denken, dass wir mit diesem Fragebogeninstrument bei allen Neuigkeiten, über die wir hier reden, das Hungergeschehen bei den Patienten sehr umfassend und korrekt abbilden können.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 8–8
Jetzt bekommt Frau Teupen von der Patientenvertretung das Wort. – Frau Teupen, bitte schön.
Wir haben einige kleine Fragen, zunächst noch einmal zu dem Questionnaire. Hier war ja das konkrete Problem auch der Übersetzungsfehler, wie man gesehen hat: „This morning“ im Original wurde wieder als das minimale Hungergefühl in 24 Stunden übersetzt. Können Sie das erläutern? Sie haben ja auch in der Stellungnahme etwas dazu geschrieben. Außerdem haben wir noch eine Frage zur Relevanz des Hüftumfangs. Das ist von der FB Med nicht dargestellt worden, weil es nicht patientenrelevant ist. Aber da tut sich ja im Moment doch etwas, dass so etwas wie Taillenumfang oder Waist-to-Hip-Ratio wesentlich aussagekräftiger sind als nur der BMI. Da wäre die Frage, wie Sie das einschätzen. Noch eine einfache Frage, vielleicht an den Unternehmer: Es ist ja schade, dass Sie zwar verschiedenste Daten im Zusammenhang mit der Lebensqualität erhoben haben, aber zum spezifischen Impact of Weight im Quality of Life, zum SF-36 im PedsQL und zu Fragen zur Suizidalität sehr geringe Rücklaufquoten haben oder es nicht aggregiert dargestellt wurde. Können Sie noch mal sagen, warum da das Problem war – es sind ja ohnehin nur sehr geringe Patientenzahlen –, dass von ihnen diese Fragebögen nicht ausreichend ausgefüllt wurden, was ja an der Stelle sehr schade ist.
Herr Prof. Hecken (Vorsitzender)
Pages 9–9
Herr Caeser, Sie haben begonnen. (Störung der Tonübertragung)